Wir haben keine Probleme - wir haben nur Herausforderungen!
Ein Satz, der sich fest in Köpfen, Meetings und Fluren etabliert hat, gut gemeint, oft zustimmend genickt, selten jedoch wirklich bedacht. Er soll Mut machen, Zuversicht erzeugen, den Blick nach vorne richten – und doch hinterlässt er bei vielen Menschen ein leises Unbehagen, das sich nicht sofort benennen lässt.
Denn was geschieht eigentlich in dem Moment, in dem jemand das Gefühl hat, ein Problem zu haben – und ihm dieses Empfinden sprachlich gleich wieder genommen wird? Ob wir es Problem nennen oder anders, ist dabei zunächst zweitrangig. Entscheidend ist etwas viel Grundsätzlicheres: Wenn ein Mensch empfindet, dass ihn etwas belastet, verunsichert oder überfordert, dann ist dieses Empfinden real.
𝗪𝗶𝗿 𝗵𝗮𝗯𝗲𝗻 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗹𝗲𝗺𝗲 – 𝗼𝗱𝗲𝗿 𝗱𝗼𝗰𝗵?
Es lässt sich nicht wegdefinieren, nicht umdeuten und auch nicht durch wohlmeinende Formulierungen auflösen. Und es ist selten angenehm.
Klarheit beginnt deshalb nicht mit einem neuen Begriff, sondern mit Anerkennung. Mit der schlichten, aber anspruchsvollen Frage: Worum geht es hier eigentlich wirklich?
Was beschäftigt diesen Menschen, was steht für ihn auf dem Spiel, was macht ihm Sorge oder raubt ihm Ruhe? Akzeptanz bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, im Problem stecken zu bleiben oder es größer zu machen, als es ist. Akzeptanz bedeutet, das anzuerkennen, was da ist, bevor man weiterdenkt, bewertet oder nach Lösungen sucht.
𝗚𝗲𝗿𝗮𝗱𝗲 𝗵𝗶𝗲𝗿 𝗷𝗲𝗱𝗼𝗰𝗵 ü𝗯𝗲𝗿𝘀𝗽𝗿𝗶𝗻𝗴𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗿 𝗼𝗳𝘁 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗻 𝗲𝗻𝘁𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗱𝗲𝗻𝗱𝗲𝗻 𝗦𝗰𝗵𝗿𝗶𝘁𝘁.
Viele Probleme wachsen nicht, weil sie so gravierend wären, sondern weil ihnen nicht zugehört wird. Stattdessen hören Betroffene Sätze wie:
- Das ist doch kein Problem
- Sieh es als Herausforderung
- Dafür gibt es doch eine Lösung
Diese Sätze kommen meist schnell, fast reflexhaft, getragen von guter Absicht und dem Wunsch zu helfen. Doch sie kommen häufig zu früh – bevor wirklich verstanden wurde, was der andere meint, und bevor echtes Zuhören stattfinden konnte. Manchmal folgt sogar unmittelbar die Lösung. Kompetent, engagiert, wohlüberlegt.
Und dennoch bleibt eine leise Frage im Raum: Für wen fühlt sich diese Lösung eigentlich richtig an?
Für denjenigen, der sie ausspricht – oder für den, der das Problem gerade trägt? Besonders schwierig wird es, wenn der Vergleich ins Spiel kommt. Wenn jemand sagt: „Ich hatte schon viel größere Probleme“ oder „Andere sind viel schlimmer dran“. Was als Relativierung gedacht ist, wirkt dann nicht stärkend, sondern beschämend, nicht öffnend, sondern verschließend.
Die Geschichte vom Pro-b.l.e.m.
Vielleicht hilft an dieser Stelle eine kleine Geschichte von Mario A. Brakenwagen, welche ich leicht überarbeitet habe.
Es war einmal ein Problem, das sehr unglücklich war. Nicht, weil es existierte, sondern weil alle über es schimpften. Dabei hatte alles hoffnungsvoll begonnen. In der Problementstehungsfabrik hatte man ihm gesagt, es habe eine wichtige Aufgabe: Es würde den Menschen besondere Momente in ihrem Leben schenken. Zunächst war es klein, kaum beachtet, fast unscheinbar. Doch je mehr es verdrängt und weggeschoben wurde, desto größer wurde es. Als es schließlich Aufmerksamkeit bekam, war diese von Missmut und Resignation geprägt.
Bis eines Tages ein Mann mit seinem Sohn vor ihm stehen blieb. „Das wird keine leichte Aufgabe“, sagte der Vater ruhig. Der Sohn sah das Problem an und meinte: „Da haben wir ja ein richtiges Problem.“ Der Vater nickte. „Ein Problem ist eine Hürde“, sagte er, „und an Hürden wachsen wir. Vielleicht müssen wir neue Sichtweisen einnehmen, uns weiterentwickeln oder Dinge anders denken. Aber ein Problem ist nicht gegen uns – es ist für uns da.“ Der Sohn runzelte die Stirn. „Woher weißt du das?“ Der Vater lächelte und antwortete: „Wenn es gegen uns wäre, müsste es Contrablem heißen.“ Das Problem hörte zu – und verstand zum ersten Mal, warum es existierte.
Vielleicht liegt genau hier ein wesentlicher Gedanke verborgen. Wer Bedenken nicht ernst nimmt, kann nicht von Empathie sprechen. Wer Gefühle sofort umdeutet, bevor er sie verstanden hat, verpasst den Kern. Probleme sind keine Feinde, die es schnellstmöglich umzubenennen gilt, sondern Hinweise, die uns zeigen, wo etwas geprüft, bedacht und verstanden werden möchte. Vielleicht lohnt es sich, das Wort Problem nicht vorschnell zu ersetzen, sondern neu zu betrachten. Nicht als Makel, nicht als Schwäche, sondern als Einladung.
Das Pro steht, dass etwas für uns ist – und das blem ist die Abkürzung für "besonders lebenswichitige erfahrungen machen - also dafür, dass es um eine bedeutsame Erfahrung geht. Nicht jede dieser Erfahrungen fühlt sich gut an, doch viele tragen einen Gedanken in sich, der uns weiterführt, wenn wir bereit sind, hinzusehen, zuzuhören und innezuhalten.
Manchmal beginnt Entwicklung nicht mit einer Lösung, sondern mit einem Satz, der ernst genommen wird: „Ich habe ein Problem.“ Und mit einem Gegenüber, das antwortet: „Dann lass uns gemeinsam verstehen, worum es wirklich geht.“